Die Tradition: Cabrios von Mercedes Benz: Luftsprünge und Kapriolen

08.03.2010
  • Sprachkunde: Der französische Ursprung des Worts „Cabriolet“
  • Typenkunde: Das Cabrio-Alphabet von Mercedes in der Vorkriegszeit
  • Ahnenkunde: W111/112 und A 124 als direkte Vorgänger der E-Klasse
Wie viele andere Karosserieformen auch stammt das Konzept des Cabriolets noch aus dem Zeitalter der Kutsche: „Cabriolet“ hieß ein leichter, offener Wagen, der von zwei Pferden gezogen wurde. Dieses 2-PS-Fahrzeug blieb vor allem Genussfahrten bei schönem Wetter vorbehalten. Daher stammt auch sein Name: Das Verb „cabrioler“ steht im Französischen für „ Luftsprünge machen“, „Kapriolen schlagen“. Das offene Fahren als Garant für gute Laune braucht jedoch in den Anfangsjahren des Automobils noch keine spezielle Karosserieform. Denn die Zeit zwischen 1886 und 1920 ist sowieso von offenen Automobilen geprägt.
Als sich geschlossene Karosserien im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts etablieren, bieten die Karosseriebauer neben Limousine und Coupé mit festem Aufbau nun auch das Landaulet an (bei dem nur der Fahrer unterm Dach sitzt) – und das Kabriolett mit einem komplett zu öffnenden Verdeck. Kennzeichen dieses Wagentyps sind bereits in den 1920er Jahren eine sportliche und elegante Silhouette sowie die Möglichkeit, den Wagen oberhalb der Türoberkanten völlig zu öffnen.
Von A bis F: Das Cabriolet-Alphabet
Cabriolets gibt es bald in zahlreichen verschiedenen Typen. Um diese Vielfalt durchschaubar zu machen, entsteht im Hause Daimler-Benz eine Klassifizierung von sechs gängigen Cabriolet-Typen, die mit den Buchstaben A bis F gekennzeichnet werden:
  • Das Cabriolet A ist ein zweitüriger, meist zweisitziger Wagen. Sein Verdeck reicht bis an die Türen heran.
  • Das Cabriolet B hat ebenfalls zwei Türen, bietet jedoch vier Sitze und Seitenfenster für die hinteren Passagiere.
  • Das Cabriolet C gleicht in der Anordnung von Türen und Sitzen dem Cabriolet B, allerdings fehlen hier die hinteren Seitenfenster.
  • Das Cabriolet D ist ein viertüriger Wagen mit vier oder fünf Sitzen und schwererem Verdeck.
  • Das seltene Cabriolet E hat sechs Sitze und das schwerere Verdeck.
  • Das Cabriolet F gleicht dem Typ E, hat jedoch zusätzlich Seitenfenster hinter den Hintertüren. Beide haben vier Türen.
Mit offenem Verdeck in die Fusion
Die Daimler-Motoren-Gesellschaft bietet bereits die Mercedes-Typen 15/70/ 100 PS und 24/100/140 PS aus dem Jahr 1924 als viersitzige Cabriolets und offene Tourenwagen an. Diese Modelle werden nach der Fusion mit Benz & Cie. zur Daimler-Benz AG im Jahr 1926 als Mercedes-Benz Typen weitergeführt. Mit ihrer steil stehenden Windschutzscheibe verströmen sie noch nicht den Charme der eleganten Sportlichkeit, nur die voluminösen Falten des Verdecks im Heck unterscheiden sie von den rauen Tourenwagen.
Doch bereits die Cabrio-Versionen des Typ 8/38 PS (W 02) entwickeln eine eigene Formensprache. Vor allem das zweisitzige Cabriolet A punktet durch pfiffige Sportlichkeit in Verbindung mit Praktikabilität durch den guten Wetterschutz. Während dieser Typ auch als zweitüriges Cabriolet mit vier Sitzen zu haben ist, bietet Mercedes-Benz den Typ 12/55 PS (W 03) und seine direkten Nachfolger bereits mit drei verschiedenen Karosserieformen als Cabrio aus Werksfertigung an.
Die legendären Typen S, SS und SSK sind Tourensportwagen. Mercedes-Benz selbst bietet dabei die Typen S und SS von 1926 bis 1934 als zweitüriges, vier-sitziges Sport-Cabriolet an. Würde nicht die atemberaubend lange Motorhaube diesen Wagen von seinen Zeitgenossen abheben, könnte man ganz nüchtern von einem Cabriolet C dieser auf den Rennsport und die sportliche Fahrkultur zugeschnittenen Baureihe sprechen. Das Segment der offenen Tourenwagen decken die Typen 15/70/100, 24/100/140 und der K ab.
Cabriolets in allen Dimensionen
Mercedes-Benz bietet in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg so gut wie alle Baureihen auch als Cabriolet an. Der Typ Stuttgart 200 ist in den Versionen A,
B und C zu haben, der Stuttgart 260 dazu auch noch als Cabriolet D. Den Typ Mannheim gibt es als Cabriolet C und D, das besonders sportlich gezeichnete Zweisitzer-Cabrio A wird als „Sport-Cabriolet“ angeboten. Mercedes-Benz Chronist Werner Oswald hebt in seiner Markengeschichte die Ästhetik hervor: „Diese Autos waren keineswegs sonderlich schnell oder leistungsstark, und der Einstieg bei geschlossenem Verdeck erforderte akrobatische Gelenkigkeit, aber die Linienführung war so hinreißend schön, dass ihretwegen schon viele Leute gern zu anderweitigen Verzichten bereit waren.
Selbst die Repräsentationsfahrzeuge vom Typ 770, „Großer Mercedes“ (W 07) gibt es als Cabriolets B, C, D und F, dazu kommen Sonderaufbauten wie das zweisitzige Cabrio von Auer. Bei der Baureihe 150, der zweiten Version des Typ 770, beschränkt sich Mercedes‑Benz dann in den Jahren von 1938 an auf die absoluten Repräsentationsvarianten in Gestalt der Cabriolets D und F. Letzteres ist mit
einem Listenpreis von 47.500 Reichsmark die teuerste Ausführung des W 150.
Mit dem Cabriolet ins Wirtschaftswunder
Auch den Typ 170 V (W 136) bieten die Stuttgarter von 1936 an als Cabriolet A und B, außerdem als Cabrio-Limousine und als Roadster. Als nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Fahrzeugproduktion mit diesem weitgehend unveränderten Typ wieder anläuft, rollen aber keine 170 V Cabriolets mehr vom Band in Sindelfingen. Diese Karosserieform hat sich endgültig als etwas Besonderes etabliert, die Limousine ist zur Standardausführung geworden.
Erst der Typ 170 S (W 136 IV) ist von 1949 an als Cabriolet A und B zu haben. Diese offenen Automobile mit neuer Karosserie sind für die junge Bundesrepublik der Inbegriff des sportlich-luxuriösen Fahrens. Ihre elegante Linienführung wirkt aus heutiger Sicht wie eine Vorschau auf das so genannte Wirtschafts-wunder der 1950er Jahre. Bereits nach zwei Jahren löst allerdings der Typ 220 (W 187) mit seinen Cabrio-Versionen den 170 S ab. Den Anspruch, ein außergewöhnliches, luxuriöses Automobil zu bieten, macht Mercedes‑Benz bei diesem Typ bereits mit dem Preis deutlich: Ist die Limousine für 11.935 Mark zu haben, kostet das Cabriolet B bereits 15.150 Mark und der feine Zweisitzer (Cabriolet A) 18.850 Mark. Die klassische Cabriolet-Kultur der Vorkriegszeit leuchtet noch einmal auf, als Mercedes‑Benz im Jahr 1951 seine neue Repräsentationslimousine vorstellt, den Typ 300. Dieser ist auch mit einem Verdeck zu haben, und zwar als Cabriolet D – ein ausgesprochen stattliches Fahrzeug. Den Typ 300 S (W 188) dagegen bieten die Stuttgarter als Coupé, Cabriolet A und Roadster an.
Die Idee des Cabriolets im 20. Jahrhundert
Mit der Baureihe W 180 kommen die Cabriolets von Mercedes-Benz ab dem Jahr 1954 in einer neuen Epoche an: Die selbsttragende Karosserie verlangt eine Abkehr von dem Brauch, eine Vielzahl verschiedener Cabriolet-Versionen anzubieten. Vielmehr ist das Ziel der Konstrukteure, einen offenen Reisewagen mit elegantem Design zu schaffen, der unter den Aspekten von Komfort und Fahrzeugsicherheit mit den Limousinen der Baureihe mithalten kann.
Das verlangt vor allem konstruktive Maßnahmen, um die Steifigkeit der Cabrio-Karosserie der Typen 220 S (W 180) und 220 SE (W 128) mit ihrer gegenüber der Limousine um 120 Millimeter verkürzten Rahmenbodenanlage zu verbessern. Aber auch das Design des Klappverdecks ist neu: Besitzen die ersten Nachkriegs-Cabriolets der Typen 170 S, 220 und 300 sowie 300 S noch die typischen, außen liegenden Sturmstangen, kommt das 1955 auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt/Main vorgestellte Cabriolet A/C nun mit einem außen glatt gezeichneten Verdeck daher; es soll zwei Karosserievarianten abdecken, daher die Bezeichnung A/C. Äußerlich nähert sich damit das Dach des Cabriolets jenem der Roadster an. Die früher so strenge Aufteilung zwischen den beiden Karosserietypen fällt zwar nicht weg, aber beide Varianten rücken enger zusammen.
Cabriolets der Oberklasse
Die Stellung des Cabriolets als exklusiver Karosserieform betont Mercedes‑Benz auch in den Baureihen 111 und 112 von 1961 bis 1971: Die Typen 220 SEb und 300 SE basieren auf der Karosserie des Coupés und begeistern mit ihrer Inter-pretation eines Cabriolets der Oberklasse. So gelungen ist die Linienführung der offenen S‑Klasse Vorgänger, dass die Cabriolets auch nach der Markteinführung der Baureihe W 108 weiter auf Basis des W 111 und W 112 gebaut werden.
In der zehnjährigen Bauzeit bietet Mercedes-Benz fünf verschiedene Cabrio-Typen dieser Baureihen an: 220 SEb, 250 SE, 300 SE, 280 SE und 280 SE 3.5 – insgesamt entstehen in Sindelfingen 7013 Einheiten der fünf Cabriolets. Auf diese Generation folgt im Modellprogramm von Mercedes-Benz zunächst keine offene Oberklasse mehr: Es ist vielmehr der neue SL der Baureihe 107, der von 1971 an die Kultur des offenen Fahrens als Zweisitzer unter den Automobilen der Stuttgarter Marke pflegt.
Kein Verzicht auf das klassische Stoffverdeck
Nach einer Pause von 20 Jahren folgt das nächste klassische Cabrio erst wieder im September 1991: Damals erscheint ein offener Viersitzer auf Basis des Coupés der Baureihe 124. Dessen Karosserie wird für die offene Ausführung nicht nur verstärkt, sondern zudem mit aufwändigen konstruktiven Maßnahmen gegen Schwingungen geschützt.
So entsteht ein im besten Sinne klassisches Cabriolet, das erfolgreich eine andere Zielgruppe als die Käufer der offenen SL‑Sportwagen anspricht. Heute ist der A 124 längst ein gefragter Youngtimer. Die Tradition dieses Cabriolets der E‑Klasse setzen nach dem Produktionsende der Baureihe 124 die offenen Versionen der CLK‑Klasse fort, der A 208 (1998 bis 2003) und der A 209 (2003 bis 2009).
Mercedes-Benz 280 SE 3.5 Cabriolet (W 111, 1969 bis 1971).
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Das E 220 Cabriolet von 1994
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Galerie viersitziger Mercedes-Benz Cabriolets.
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Das E 220 Cabriolet von 1994
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Das E 220 Cabriolet von 1994
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Das 280 SE 3.5 Cabriolet von 1969.
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Das 280 SE 3.5 Cabriolet von 1969.
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Das 220 SE Cabriolet von 1963.
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Das 280 SE 3.5 Cabriolet von 1969.
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Das E 220 Cabriolet “Final Edition”
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Das 220 SE Cabriolet von 1963.
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Das E 220 Cabriolet “Final Edition”
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Das 220 SE Cabriolet von 1963.
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Das E 220 Cabriolet “Final Edition”
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Das 220 SE Cabriolet von 1963.
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Das 300 CE-24 Cabriolet
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Das 300 CE-24 Cabriolet
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Das 300 CE-24 Cabriolet
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Galerie viersitziger Mercedes-Benz Cabriolets.
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Galerie viersitziger Mercedes-Benz Cabriolets.
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Galerie viersitziger Mercedes-Benz Cabriolets.
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Galerie viersitziger Mercedes-Benz Cabriolets.
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Das 300 CE-24 Cabriolet
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Das 300 CE-24 Cabriolet
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Das E 220 Cabriolet “Final Edition”
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Das E 220 Cabriolet “Final Edition”
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Das 280 SE 3.5 Cabriolet von 1969.
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Das 280 SE 3.5 Cabriolet von 1969.
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Das 220 SE Cabriolet von 1963.
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Das 220 SE Cabriolet von 1963.
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