Unter der Lupe: Der „Große Windkanal“ in Untertürkheim

15.12.2009
Vom K-Heck zum AIRCAP®
Hier bläst der Wind schon lange: Der „Große Windkanal“ der Daimler AG im Stammwerk Stuttgart-Untertürkheim war der weltweit erste, der speziell zur
Untersuchung der aerodynamischen Eigenschaften von Kraftfahrzeugen konzipiert wurde. Die Bauarbeiten begannen 1940, voran getrieben vom legendären Aerodynamik-Pionier Wunibald Kamm (1893 - 1966), erster Professor für Kraftfahrwesen an der Technischen Hochschule Stuttgart und 1930 Gründer des privaten und gemeinnützigen Forschungsinstituts für Kraftfahrwesen und Fahrzeugmotoren Stuttgart (FKFS). Kamm entwickelte mit dem K-Wagen 1938 bis 1941 den Prototyp eines aerodynamisch innovativen Personenwagens, die Bezeichnung „Kamm-Heck“ für die scharfe Abrisskante ist heute noch ein Begriff.
Kriegsbedingt dauerte es zwar noch bis 1954, bis der Windkanal als erster weltweit für Messungen an originalgroßen Pkw eingesetzt werden konnte. Seither spielte er eine bestimmende Rolle in der Entwicklung aerodynamischer Effizienz des Automobils – besonders wenn es einen Stern am Bug trug. Doch nicht nur bei diesen: Bis in die 70er-Jahre wurde der Windkanal von FKFS betrieben und stand so der markenunabhängigen Forschung und auch anderen Herstellern zur Ver-fügung. Einer der regelmäßigsten Mieter aber war der heutige Besitzer Daimler – ganz ähnlich wie beim neuen FKFS-Windkanal auf dem Uni-Gelände in Stuttgart-Vaihingen, der 1988 in Betrieb ging.
Doch der immer wieder auf den neuesten technischen Stand gebrachte Windkanal in Untertürkheim bleibt für die Mercedes-Benz Entwicklung unverzichtbar. Nicht nur zur Optimierung des Luftwiderstands, sondern auch für Verschmutzungs-untersuchungen, Scheibenwischertests oder Komfortuntersuchungen bei Cabrios. Und der „Große Windkanal“ heißt nicht nur so: Auch die Nutzfahrzeuge von Mercedes-Benz bekommen hier ihren Feinschliff.
Daneben wird er immer wieder auch für artfremde Versuche genutzt: Ob das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) hier Filmsequenzen für einen Bericht über Hurrikane dreht, Schlitten für den Bobsport optimiert werden oder Eischnell-läufer ihre Haltung optimieren - wer mit oder gegen den Wind kämpft, findet in Untertürkheim einen Verbündeten. Zu den ganz besonderen Herausforderungen zählte auch die aerodynamische Untersuchung des revolutionären Zeltdachs des Münchner Olympiastadions.
Technisch handelt es sich bei dem Windkanal um eine Anlage des „Göttinger Typs“: Hinter der Messstrecke wird die Luft in einem Auffangtrichter von einem Gebläse abgesaugt. Von dort aus strömt sie über einen Kanal wieder zu der Düse vor der Messstrecke. Auf diese Weise können die physikalischen Eigenschaften der Luft im Kanal gut kontrolliert werden. Man kann zum Beispiel den ganzen Kanal und die Messstrecke unter erhöhten Druck bringen oder herabkühlen. Verbessert wird so gegenüber dem so genannten „Eiffeler Typ“ auch der Wirkungsgrad, da die Bewegungsenergie der aus der Messstrecke ausströmenden Luft wieder benutzt wird.
Die Technischen Daten des „Großen Windkanals“ in Untertürkheim:
Maximale Windgeschwindigkeit
250 km/h
Düsenquerschnittsfläche
32 m²
Messstreckenlänge
12 m
Drehscheibenschwenkbereich
+/- 180°
Maximale Achslast
10 t
Maximale Antriebsleistung
5.000 kW
Mercedes-Benz TecDay Aerodynamik, Tradition, Windkanal
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Mercedes-Benz Limousine der Baureihe 124 im Windkanal. Foto aus dem Jahr 1984.
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